1. Das Dach Afrikas

Äthiopien, in früheren Jahren auch Abessinien genannt, ist in weiten Teilen ein gebirgiges Hochplateau und wird daher oft als Dach Afrikas bezeichnet. Die Topographie des Landes ist vielfältig, und entsprechend unterschiedlich sind das Klima und die Landnutzung auf den verschiedenen Höhenstufen.

Äthiopien liegt im nördlichen Osten des afrikanischen Kontinents. Wegen des markanten Küstenverlaufs um den Golf von Aden wird die Ländergruppe Somalia, Djibouti und Äthiopien als Horn von Afrika bezeichnet.

Äthiopien gehört, zwischen dem Wendekreis des Krebses und dem Äquator gelegen, ganz zu den Tropen. Trotzdem herrscht dort ein kühles, meist sehr angenehmes Klima.

Äthiopien ist nämlich ein eigentliches Hochland und als solches in ganz Afrika einzigartig. Das Kernland mit der grössten Siedlungsdichte liegt grösstenteils über 2000 m ü.M. und nimmt rund die Hälfte der Landesfläche ein. Die höchsten Berge reichen bis 4000 m über den Meeresspiegel (Ras Daschen in Semien: 4’620 m). Auf über 3000 m, wo in Europa schon ewiger Schnee liegt, kann noch mühelos Ackerbau betrieben werden. Überhaupt entsprechen die dortigen Verhältnisse kaum unseren Vorstellungen einer Gebirgslandschaft. Wer mit dem Flugzeug in der Hauptstadt Addis Abeba (2500 m ü.M.) landet, fühlt sich wegen der flachen oder nur leicht gewellten Landschaft kaum in grosse Höhen versetzt. Einzig der Pilot erfährt wegen der geringen Triebwerkleistung die grosse Höhe. Zerklüftet und gebirgig wild wird die Landschaft meist erst recht, wenn man vom Hochland in die Täler absteigt.

Die einmalige Geländegestalt hat ihre Geschichte: vor rund 50 Millionen Jahren, nach einer Ära massiver Sedimentablagerung im Meerwasser, wurde der afrikanisch-arabische Kontinental-sockel im Bereich des Horns um einige tausend Meter in die Höhe gehoben. Diese tektonischen Vorgänge wurden von heftigen Lavaergüssen begleitet, die zu Basaltschichten erstarrten und fortan das flache Hochland bildeten. Während einer Zwischenphase brach im Zentrum der Aufwölbung der sogenannte Rotmeer-Rift-Valley-Graben ein und trennte das Horn von der arabischen Halbinsel.

Die heutige Landschaft ist durch die Erosionskraft der Fliessgewässer entstanden, welche das Hochplateau mit Canyons durchfurchten und die Scholle in einzelne Blöcke zersägten. Mancherorts hat die Erosion nur noch turmförmige Plateauinseln (sogenannte Amba) hinterlassen. Diese starke Zergliederung des Hochlandes trägt viel zur räumlichen Abgeschiedenheit einzelner Bevölkerungsgruppen bei und erschwert die verkehrsmässige Erschliessung beachtlich.

Das Grossrelief prägt auch das Klima des Landes. Mit zunehmender Höhe nehmen die Temperaturen und somit auch die Verdunstungskraft (potentielle Verdunstung) ab. Da die feuchten, regenbringenden Luftmassen vorwiegend aus dem Südwesten, dem Golf von Guinea und, abgelenkt vom indischen Ozean, einströmen, bestimmen die Ausrichtung der Bergflanken und die Höhe der Gebirge die Ertragsmenge der Steigungsregen. Dort, wo Wolken durch das Gelände zum Aufsteigen gezwungen werden, fallen die grössten Niederschläge. Dabei bestimmt die klimatische Höhenstufung auch die Vegetation und die Art, wie die Bewohner das Land nutzen.

Das Klima der Tropen unterscheidet sich von jenem gemässigter Breitengrade insbesondere dadurch, dass die Temperaturen übers Jahr ausgeglichen, die Niederschläge dagegen unausgeglichen sind. Die Jahreszeiten werden also nicht durch Temperaturwechsel, sondern durch die Folge von Trocken- und Regenzeiten bestimmt.

Auf dem Hochplateau entsprechen die Temperaturen während des ganzen Jahres europäischen Frühherbsttagen. In der Nacht kann es allerdings empfindlich kalt werden. ‘Die Nacht ist der Winter der Tropen’, sagt man daher. In tieferen Lagen sind die Temperaturen entsprechend wämer (rund 0,7 C pro 100 m).

Die Regen der Tropen entstehen vorwiegend durch feuchte Luftmassen, die unter der senkrecht stehenden Sonne, dem sogenannten Sonnenäquator, aufsteigen und durch die Erdrotation nach Osten abgeleitet werden. Mit der jahreszeitlichen Verschiebung dieses Regengürtels, bedingt durch die Verkippung der Erdachse, erreichen die Niederschläge im Sommer die nördlichen Breitengrade (sogenannte Sommerregen). Die Dauer dieser Regenzeit und somit das Niederschlagstotal nehmen vom Äquator nach Norden kontinuierlich ab.

Dieses Grundmuster, das die tropischen Regen auf der ganzen Welt bestimmt, wird in Äthiopien durch die bereits erwähnte Höhenstufung abgewandelt. Zusätzlich bewirken rückläufige Luftströmungen vom Roten Meer her teilweise auch Frühlings- und Herbstregen, die vorwiegend im Osten des Landes für Niederschläge sorgen.

Äthiopien verfügt über direkten Anstoss an die Küste des Roten Meeres. Die unwirtliche Danakilwüste, bekannt als ‘Hitzepol der Erde’, erschwert jedoch den Zugang. Das Hochland erinnert deshalb viel eher an ein Binnenland, das weder in seiner Kulturgeschichte noch im Handel über eine Seefahrertradition verfügt.

Seit dem Machtwechsel und der Unabhängigkeit von Eritrea hat Äthiopien seinen Meerzugang verloren. Zur Zeit wird vorwiegend über Djibouti transportiert, teilweise auch über Berbera (Somaliland).

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