7. Sauerteigbrot und Honigwein

Die Volksnahrung besteht aus Brot, das mit einer scharfen Sauce gegessen wird. Auch Honig und Milch werden gerne verzehrt. Fleischgenuss gehört sozusagen zu den himmlischen Freuden auf Erden, weil er den meisten Leuten aus Kostengründen nur an Festtagen möglich ist.

Auf dem traditionellen Speisezettel finden sich weder Früchte noch Gemüse. Bier aus Hirse oder Gerste wird als Nahrungsspender und Durstlöscher geschätzt. Hier hat während den vergangenen zwanzig Jahren ein grosser Wandel stattgefunden. Früchte, Gemüse und Flaschengetränke werden heute fast in allen Landesgegenden angeboten.

Gutes Essen ist für die Äthiopier äusserst wichtig und besitzt einen hohen kulturellen Stellenwert. Gemeinschaftliche Anlässe aller Art sind ohne Speis und Trank kaum vorstellbar. Die soziale Bedeutung des Essens wird auch dadurch demonstriert, dass die Beteiligten ein gemeinsames Essgeschirr benützen. Die europäische Gewohnheit, aus individuellen Tellern zu essen, kann von Äthiopiern nur schwer verstanden werden. Für sie gehört es mit zum Schönsten, den Freund oder Gast mit den besten Leckerbissen aus der gemeinsamen Schüssel zu verwöhnen, indem sie ihm diese zum Schüsselrand hin oder gar direkt in den Mund schieben.

Die traditionelle Küche Äthiopiens wird sehr gepflegt und ist durch westliche Gerichte kaum verdrängt worden. Für unseren europäischen Gaumen schmecken die Gerichte anfänglich fremdartig und brennend scharf. Nach einigen Monaten gewöhnt man sich jedoch dermassen an die Kost, dass man sie, zurück in Europa, kaum mehr lassen kann.

Brot wird aus verschiedenen Getreidesorten zu Injera, Hambescha oder Ketscha verarbeitet. Hambescha ist ein rundes Fladenbrot, das unserem Ruchbrot sehr nahe kommt. Ketscha ist ähnlich, nur wird Teig ohne Hefezusatz verwendet. Das Brot geht nicht auf und bleibt ein klebriger Fladen. Injera ist eine Spezialität des Landes und besonders beliebt. Das Mehl wird vorwiegend aus dem Grasgetreide Teff gewonnen und bildet, mit Wasser durchmengt, einen dickflüssigen Teig. Dieser wird für zwei oder drei Tage stehengelassen, bis die Fermentation einsetzt. Der Sauerteig wird anschliessend auf einer flachen Eisenschale wie ein Pfannkuchen gebacken. Das fertige Brot, ein schaumstoffartiger Fladen, ist leicht säuerlich und passt besonders zu scharfen Saucen.

Saucen werden als Wot bezeichnet und bestehen vorwiegend aus getrockneten Schoten des Spanischen Pfeffers (Chili, Berbere) und weiteren Gewürzzugaben wie Schalotten, Ingwer, Bischofskraut, Bockshornklee, Kardamom, Pfeffer und Knoblauch. Eine gute Zugabe Ghee, einekochte Gewürzbutter, rundet den Geschmack ab.

Shiro-Wot, eine Pfeffersauce auf der Grundlage von Erbsenmehl, wird häufig als Fleischersatz verspiesen.

Fleisch von Ziegen und Schafen, Hühnern und Rindern wird an Festtagen zubereitet. Feingeschnitten an Pfeffersauce, ganze Stücke in der Suppe gekocht, grosse Stücke grilliert oder auch roh mit Berbere-Pulver und andere Zubereitungsarten sind bekannt. Innereien und fettige Teile werden dem Muskelfleisch meist vorgezogen. Der Gast erhält beispielsweise vom Doro-Wot, dem Huhn an Sauce, Leber, Hals, Magen und Haut als Leckerbissen vorgesetzt. Schweinefleisch oder Fleisch von Wildtieren, Eseln oder Pferden, teilweise auch Fisch sind mit Tabus belegt und werden nicht gegessen.

Aus Gerste und Hirse wird Tella, ein nur leicht alkoholhaltiges Bier hergestellt. Es schmeckt etwas schal, weil es keine Kohlensäure enthält. Da es nicht filtriert wird, bleibt ihm der Malz als Getreideschrot enthalten. Das Getränk wird deshalb als Nahrung bezeichnet.

Tej, der alemannische Met, ist ein Honigwein, der als Luxusgetränk gilt. Er wird aus gewürztem Honigwasser hergestellt, das im versiegelten Tontopf eine zweiwöchige Gärung durchläuft. Kindern wird Birsi, frisches Honigwasser, angeboten.

Selbstverständlich wird in den Hotels und Restaurants der grösseren Städte auch westlich verpflegt. Insbesondere italienische Gerichte sind beliebt. Teigwaren sind in fast allen Restaurants zu bekommen, auch wachsen im Lande eigene Trauben, die einen recht guten Wein liefern.

Diese Schilderung der vielfältigen äthiopischen Küche darf auf keinen Fall darüber hinwegtäuschen, dass in Äthiopien regelmässig Hunderttausende von Menschen vom Hunger geplagt werden. Nur ganz wenig Privilegierte können ein üppiges Leben im Stil der westlichen Welt führen. Vielleicht wird dem Essen gerade deshalb ein so grosser Stellenwert beigemessen, weil es so gar nicht selbstverständlich ist.

Ganz neu auf dem Speisezettel sind in Äthiopien auch Früchte: Heute kann man fast in jeder Kleinstadt Bananen, Organgen, Avocado und Guaven kaufen. Seit einigen Jahren erobern auch Gemüse und Bohnen, Tomaten und Salat die Teller. Grünfutter hat in Äthiopien Einzug gehalten. Im Super-Markt wird internationales Angebot der unteren Preisklasse angeboten. In fast allen Restaurants, selbst auf dem Lande gibt es heute diverse Sorten Lokalbiere, lokalen Wein, Schnäpse und Süssgetränke (z.B. Coca). Obwohl die ländliche Armut weiterhin gross ist, konnten seit der Hungernot 1985 weitere Hungersnöte dank effizienter Bekämpfung verhindert werden (Transportkapazitäten und Austausch, Hilfsprogramme).

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