3. Mosaik von Völkern, Sprachen und Religionen

In Äthiopien, dem Brückenkopf zwischen Asien und Afrika, lassen sich verschiedenste rassische und kulturelle Einflüsse entdecken. So leben nebeneinander Animisten, Juden, Christen und Mohammedaner, und es werden rund 80 Sprachen gesprochen. Für afrikanische Verhältnisse ist das Land trotzdem kulturell relativ geschlossen und rassisch einheitlich.

Die Bevölkerungszahl ist nicht genau bekannt und schwankt je nach Statistik (und politischen Absichten) recht beachtlich. Heute (1989) dürfte die Gesamtbevölkerung rund 35 Millionen Menschen umfassen. Bei einer Wachstumsrate von über zwei Prozent jährlich dürfte diese Zahl allerdings nicht lange Gültigkeit besitzen.

Die Bevölkerungszählung und Hochrechnungen gehen 2008 von 71 Millionen Menschen aus.

Die Oromo (früher etwas unfreundlich als Galla bezeichnet) sind Nachfahren der kuschitischen Urbevölkerung und zahlenmässig am stärksten vertreten. Rund 40 Prozent der Gesamtbevölkerung gehören verschiedenen Oromo-Gruppen an.

Die anderen kuschitischen Volksgruppen sind weniger zahlreich. Es sind dies die Sidamo, Somalier, Afar, Saho (u.a. Irob-Saho), Bedscha und Agauw.

Die kuschitischen Volksgruppen leben relativ bodenvag; ihre Kultur manifestiert sich nur unbedeutend in architektonischen und landschaftsgestalterischen Leistungen. Vielfach sind sie Nomaden oder sonstige Hirtenvölker und nur zu einem geringen Teil sesshafte Pflanzbauern.

Die Kuschiten sprechen eine Vielzahl verschiedener Sprachen und Dialekte, die unter anderem wegen ihrer Tonalität (d.h. der Bedeutung der verschiedenen Tonhöhen einer Silbe) für Fremde nur schwer erlernbar sind. Die Irob (Irob Saho) rund um Alitena sind Kuschiten.

Ihr politischer und wirtschaftlicher Einfluss auf die Geschicke des Landes war (und ist auch heute noch) vergleichsweise bescheiden. Nur wenige erreichten einflussreiche Stellungen in Handel, Militär oder Verwaltung. Unter den Kuschiten gibt es überdurchschnittlich viele Analphabeten.

Die Herren des Landes sind vielmehr die semitischen Völker, allen voran die Amhara, die weitere 40 Prozent der Bevölkerung stellen und deren Sprache zur offiziellen Landessprache gemacht wurde. Es folgen die Gurage, Tigriner und andere Tigre-Sprach- bezw. Volkgsgruppen.

Seit dem Machtwechsel 1991 und mit der Regierungsführung der Revolutionären Demokratischen Front der Äthiopischen Völker, welche stark unter dem Einfluss der Volksbefreiungsfront von Tigray (Tigray People’s Liberation Front, TPLF) steht, haben die Amharen stark an Einfluss verloren. Bei den jahrhundertalten Opponenten hat die Macht zugunsten der Tigriner ausgeschlagen, was viele Amharen provoziert.

Zahlenmässig und politisch unbedeutend, hingegen von völkerkundlichem Interesse sind nilotische und andere negroide Völker im südlichen und westlichen Grenzsaum des Landes. Meist handelt es sich dabei um Stämme, die auch im benachbarten Sudan oder Kenya leben und deren Lebensraum von der politischen Grenze zerschnitten wird. Oft sind diese Menschen Anhänger von Naturreligionen.

Die semitischen Völker sind dagegen in der Regel Christen und gehören der äthiopisch-orthodoxen Kirche an, die als frühere Staatskirche knapp die Hälfte aller Gläubigen beheimatet. Rund 15000 Kirchen, 800 Klöster und 200’000 Kleriker zeugen von der grossen Bedeutung dieser Religion. Ihr Einfluss auf die Lebens- und Verhaltensweise der Bevölkerung ist enorm und wurde auch durch die marxistische Regierung des Derg nur unbedeutend abgebaut.

Der Islam ist vorwiegend in den tieferen Landesteilen verbreitet. Die Hälfte der Äthiopier bekennt sich zu ihm, darunter besoders viele Kuschiten, nicht zuletzt aus Protest gegen die spürbare Dominanz der semitischen Christen. In früheren Jahren waren Mohammedaner und Angehörige von Naturreligionen stark unterdrückt worden. Diese besassen beispielsweise kein Recht auf Landbesitz. Nur als Händler und als Geldverleiher – Berufe, welche die Christen mieden – konnten sie sich manchmal einen gewissen Wohlstand erarbeiten.

Im Hochland, nördlich des Tana-Sees, existieren noch einige Tausend Felaschas, “schwarze Juden”, die den Talmud, die jüdische Lehre aus dem 3. Jh. n. Chr. nicht kennen. Ein beachtlicher Teil von ihnen wurde während den frühen Achtzigerjahren in einer undurchsichtigen Heimschaffungsaktion nach Israel übersiedelt.

Die semitischen Sprachen stammen alle vom Ge’ez ab, welches bis heute als Kirchensprache (vergleichbar mit dem Latein) seine Bedeutung behalten hat. Die Schrift aller Sprachen folgt dem äthiopischen Alphabet.

Seit dem Machwechsel wird von der Regierung eine Politik der Dezentralisierung nach Stammesgruppen betrieben. Das Land wurde in 12 Regionen mit grosser Autonomie aufgeteilt: Neben zwei Stadtstaaten sind dies vorwiegend Stammesgebiete: Oromino, Amhara, Tigray, Hararghe, Somalia, Afar, Benishangul, und etwas hilflose Sammeltöpfe wie „Southern Peoples Nationalities“ mit mehreren Duzend Volksgruppen. Das Amharisch hat seine  Stellung als Landessprache verloren, bleibt im Umgang unter den verschiedenen Volksgruppen jedoch weiterhin wichtig. Offizielle Sprache ist die Sprache der jeweiligen Volksgruppe. Zunehmend wichtig wird Englisch, welches auch in den Verwaltungen oft für technische Zusammenhänge verwendet wird.

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