10. Pflug und Schwert

Die Geschichte Äthiopiens ist geprägt von einer fast endlosen Reihe religiöser, ethnischer und politischer Auseinandersetzungen, die häufige und rasche Machtwechsel mit sich brachten. Die wilde Berglandschaft mit rudimentärer Verkehrserschliessung erschwerte den inneren Zusammenhalt des Reiches zusätzlich. Während Jahrhunderten waren und sind die Bauern der Macht und Willkür von Schwert und Gewehr ausgesetzt. Wechselnde Könige, plündernde Soldaten, raubende Banditen und mordende Sklavenjäger unterdrückten das Volk in brutaler Weise und verhinderten vielfach jede wirtschaftliche Entfaltung.

Nach dem Niedergang des aksumitischen Reiches folgten Jahrhunderte ohne wirkungsvolle Zentralgewalt. Diese “dunklen” Jahre endeten im Jahre 1268 mit der Wiederherstellung der Salomonischen Dynastie. Mit der Niederschrift des Buches “Kebre Negast” schuf der Mönch Tekle Haimanot eine bedeutungsschwere Zwecklegende, welche die äthiopische Kaiserdynastie abstammungsmässig auf den biblischen Salomon zurückführte. Dieses Unterfangen war gleichzeitig der Beginn einer sehr engen und häufig unheilsamen Allianz zwischen orthodoxer Kirche und Kaiserthron. Der in alten Traditionen und Volkslegenden verwurzelte Reichsmythos beinhaltete einen eigentlichen Heilsauftrag Gottes an die christlichen Hochlandbewohner, welcher die Kaiserdynastie ermächtigte und beschwor, ihre Herrschaft auf andere Gebiete Nordostafrikas auszuweiten, die umliegenden Völker zu unterwerfen und den europäischen Kolonisatoren wirkungsvoll zu trotzen.

Obwohl während den folgenden Jahrhunderten wiederholt anarchische Zustände vorherrschten und verschiedene Könige und Fürsten es verstanden, die Macht über Teilbereiche an sich zu reissen, wagte niemand die Grundidee des Kaiserreiches anzutasten. Ähnlichen Respekt vor der geschichtlich begründeten Souveränität der Kaiser zeigten auch die europäischen Kolonialmächte. Als einziges Land in ganz Afrika wurde Äthiopien nie kolonisiert.

Im Gegenteil: das Kaiserreich trat selber als eifriger Kolonisator auf und unterwarf die Völker im Süden und Westen des Landes. Die heutigen Grenzen wurden durch die Eroberungszüge unter Kaiser Menelik II. festgelegt (1875 – 1897). Von dieser letzten Ausweitung des Reiches profitierten auch die europäischen Staaten. Sie lieferten Waffen und technische Geräte im Tausch gegen Gold, Elfenbein und Gewürze. Diese Interessengemeinschaft führte soweit, dass Menelik Italien nicht daran hinderte, Eritrea zu einer ihrer Kolonien auszurufen. Erst als die Italiener allzu gebietshungrig wurden, kam es zur grauenvollen Schlacht von Adua, die mit einem überwältigenden Sieg Meneliks endete (1896).

Das faschistische Italien missbrauchte die Schmach von Adua als Rechtfertigung für erneute imperialistische Absichten, die auf ein zusammenhängendes Nordostafrika abzielten. 1934 stiessen Truppen von Mussolinis mit Panzern, Bombern und Giftgas von Italienisch-Somalia aus gegen die Reiter und Lanzenträger Abessiniens vor; ein Jahr darauf wiederholten sie den Angriff von Eritrea aus. 1936 war Äthiopien vollständig besetzt, der Kaiser im Londoner Exil. Erst als Italien auf der Seite Hitler-Deutschlands in den 2. Weltkrieg eintrat, sahen sich die Briten und Franzosen veranlasst, den anhaltenden Befreiungskampf der Äthiopier mit Waffen und Militärhilfe zu unterstützen. Bereits am 5. Mai 1941 konnte Kaiser Haile Selassie ins befreite Addis Abeba zurückkehren. Die faschistische Besetzung hatte die äthiopische Bevölkerung gedemütigt und ihr grosses Leid zugefügt. Gleichzeitig hatte sie das Land nicht unwesentlich modernisiert: ein Strassennetz wurde geschaffen, das Geschäftsleben erneuert, Brunnen gegraben und das lokale Handwerk gefördert.

Die grosse Hungersnot von 1973 war mit ein Anlass, dass die städtische Bevölkerung gegen die kaiserliche Regierung revoltierte und unterstützt von der Armee, 1974 die Macht übernahm und den Kaiser vertrieb. Damit wandelte sich das Kaiserreich zu einem sozialistischen Staat marxistisch-leninistischer Ausrichtung. Im regierenden Militärrat (DERG) setzte sich nach harten Machtkämpfen Mengistu Haile Mariam als Staatspräsident und Parteivorsitzender durch. 1987 erhielt das Land eine neue Verfassung und eine zivile Regierung, wobei Oberstleutnant Mengistu in seinen Staats- und Parteiämtern bestätigt wurde. Die wichtigsten Änderungen seit dem Sturz des Kaisers waren:
- eine radikale Landreform, die allen privaten Grundbesitz abschaffte, die bäuerliche Anbaufläche auf maximal 10 ha beschränkte sowie die Verstaatlichung von Zweit- oder Mehrwohnungen in den Städten;
- die Reorganisation der Volksmassen in Quartier- und Bauernräte (Kebele) mit straffen Führungs- und Entscheidungsstrukturen;
- die Trennung von Staat und Kirche;
– die Schaffung neuer und geschlossener Dörfer, in denen die bisher verstreut siedelnden Bauern zusammengefasst werden sowie die schrittweise Kollektivierung der Landwirtschaft;
- die teilweise erzwungene Umsiedlung von Bauern aus dem Norden in regenreichere und bevölkerungsarme Gebiete im Südwesten;

Die damalige Militärmaschinerie nahm keinerlei Rücksicht auf die Einhaltung von Menschenrechten und löste anstehende Probleme mit brutaler Gewalt. Ungelöst blieb auch die Nationalitätenfrage, d.h. das friedliche und gleichberechtigte Zusammenleben der Amharen mit den Eritreern, Tigrinern, Oromo, Somaliern und anderen ethnischen Minderheiten. In all diesen Völkern haben sich Guerillabewegungen gebildet, die sich häufig ebenfalls auf die marxistische Ideologie berufen. Diese regionalen Konflikte belasteten die Bevölkerung und die Wirtschaft des Landes extrem. Die Regierung konnte ihre militärischen Stellungen vielfach nur dank sowjetischer und kubanischer Militärhilfe halten, was u.a. zu einer hohen Verschuldung gegenüber der UdSSR führte. Trotzdem bestand während 17 Jahren militärisch eine Patt-Situation: der DERG kontrolliert zentrale Regionen des Landes, die Guerillas das abgelegene Hinterland.

Natürlich stellten diese internen Machtkämpfe für die politisch häufig wenig interessierte Landbevölkerung eine schwere Belastung dar und verunmöglichte fast jede Entwicklung des Landes.

1991 hat die demoralisierte Armee der Derg-Regierung in Addis Abeba kapituliert. Die Befreiungsbewegung aus Tigrai und ihre Allierten aus anderen Landesgegenden haben die Macht übernommen, und halten sie bis heute inne (Revolutionäre Demokratische Front der Äthiopischen Völker). Vielen Amharen passt die Führungsanspruch der Tigriner nicht. Die Regierung ist der Dezentralisierung und der Demokratisierung verpflichtet, und hat sich aussenpolitisch der USA angeglichen. Opposition hat im Lande allerdings einen schweren Stand, und politische Zugehörigkeit (z.B. das Parteibuch) entscheidet über wirtschaftliche Entwicklungsperspektiven. 2010 wurden die dritten Wahlen für das nationale Parlament abgehalten. Wahlprozedere wurden im Ausland und von der lokalen Opposition häufig kritisiert. Sicher bleibt die Überwindung des Feudalismus und die Einführung einer echten Demokratie ein langer Weg. Der starke Mann im Lande ist der umsichtige Premierminister Meles Zenawi. Ohne jeden Zweifel haben sich die Lebensumstände im Lande unter der heutigen Regierung massiv verbessert.

1991 hat Eritrea, die ehemalige italienische Kolonie entlang dem Roten Meer und im Norden von Äthiopien, einen autonomen Staat gegründet und sich im friedlichen Einvernehmen mit den anderen Befreiungsbewegungen von Äthiopien verabschiedet. Leider hielten die guten Beziehungen nur kurze Zeit und die genaue Grenzziehung konnte nicht geregelt werden. Nach einer Reihe von politischen Auseinandersetzungen kam es im Mai 1998 an den Grenzen zu militärischen Kämpfen, welche in der militärischen Besetzung von Grenzgebieten durch die eriträische Armee gipfelten. Es kam zu einem Grenzkrieg, welcher rund 150’000 Menschen das Leben kostete. Im Mai 2000 hat Äthiopien nach einer intensiven Aufrüstung Eritrea zurückgedrängt. Trotz UN-Missionen und internationaler Vermittlung konnte der Konflikt bis anhin nicht beigelegt werden. Beide Länder befinden sich im Waffenstillstand eines Krieges und haben alle zivilen Kontakte abgebrochen. In den Grenzbereichen sind auf beiden Seiten grosse Truppenverbände stationiert, was für beide Ländern einen enormen Aufwand darstellt.

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